Dicke Tropfen peitschen gegen die Fenster. Blätter reißen sich majestätisch von ihren Bäumen. Wirbeln unbändig umher und wagen einen Tanz im kraftvollen Wind. Dazu eine Tasse edlen Tees und eine warme Decke. Gemütlichkeit ist wahrlich schön. Perfektioniert wird dieser rundum wohltuhende Moment nur noch durch die passend gewählte Musik.Elektronische Lounge Atmosphäre, Soul, klassischer Jazz, Balladen, ein ganzes Album, eine Zusammenstellung. Oh, je. Soviel und nichts will sich so richtig meinen Ansprüchen fügen.
Elektronik ist zu kalt, ich trinke Tee und keinen Cocktail, Soul vermag es nicht die Gefühle des deutschen Herbst widerzuspiegeln, Jazzstandards will nun wirklich kaum noch jemand hören, Popballaden sind viel zu schmierig, ganze Alben machen nervös, Zusammenstellungen sind unausgeglichen!
Die absolute Harmonie kann man nicht finden. Was man also braucht ist Musik in gemäßigtem Tempo. Neu muss sie sein, aber zugänglich. Regionale Gefühle ansprechen, sich aber nicht in eine Ecke drängen lassen.
Es gibt viele Möglichkeiten sich einen solchen Nachmittag der Entspannung zu gönnen und ebenso viele Musikbeispiele könnten zu Begleitung angeführt werden. Ich will heute nur eines zur Sprache bringen, das reicht völlig.
Die Faz schreibt: "Dass dieser Drummer sein Handwerk versteht, merkt man - um es paradox zu formulieren - zunächst daran, dass eigentlich nichts heraussticht, [...]." Die innere Kohärenz von Manu Katchés Album Playground kommt der guten Komposition aus Naturschauspiel, Tee und gespendeter Wärme einer Decke gleich. Hier passt alles zueinander. Besonders fasziniert mich die Nähe, mit der mir die Platte entgegenschwebt. Fast scheint es, als würden die Musiker in meinem Wohnzimmer spielen und ich besitze die Macht über Lautstärke und Stück jederzeit entscheiden zu können. Wie eine ins Detail perfekte, nie leblose, Liveaufnahme ohne schreiendes Publikum, ohne nerviges Kratzen, Rauschen, und kreativlose Ansagen.
Abwechslungsreiche Balladen reihen sich hier aneinander. Kein Gesang, nur Schlagzeug, Bass, Klavier, Trompete, Saxophon. Fremdartige Themen sind es nicht die begeistern. Unbekannt sind sie, aber wohltuend umkreisen sie den Hörer, leicht klagend, dann wieder leicht beschwingt und mit einem Hauch Fröhlichkeit. Die Piano drückt sich oft düster aus, der Bass ist um Zurückhaltung bemüht, das Schlagzeug setzt auf Cymbals und bis dato ungehörte Fills, die Bläser schmettern nicht, sie sind inspirierend demütig.
Bei "Possible Thought" glaubt man gar zu Beginn, dass sich mehrere Drummer zusammengefunden haben. Bei "Pieces of Emotion" zitiert das Saxophon die 80ziger. Bei "Snapshot" und "So Groovy" ergreift den Hörer eine lockere, beschwingte Emotion. Und der Jazz darf nicht zu kurz kommen und die ein oder andere ausschweifende Improvisation fügt sich ein. Angenehmer Weise nicht zu penetrant.
Ob es nun das perfekte "Sonntagsnachmittags" Album ist, welches nicht nur plätschert, sondern auch fordert, dass weiss ich nicht genau. Der Ton den ich suche, der ist jedoch nahezu perfekt getroffen. Die Kompositionen sind variabel und frohlocken mit der nötigen Portion Emotion.
Faszinierende Technik endet nicht in einem unterkühlten Desaster sondern gibt dem Hörer Selbstbewusstsein zurück. Bei diesen Musiker werde ich im Konzert nicht auf einen Verspieler lauern. Entspannt kann ich mich dem Hörerlebnis hingeben.
Abschließend will ich wieder die Faz zitieren: "Manu Katchés „Playground“: ein Meisterwerk des Jazz". 10 Punkte.
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