Sonntag, 9. September 2007

Einfach überragend!

Viele talentierte Musiker haben das Talent ihr Talent wegzuwerfen. Das hab ich schonmal ansatzweise an dem Beispiel Steve Morse erörtert, aber bei der Platte die ich heute vorstellen möchte tritt der umgekehrte Fall ein.

Es geht heute um Jazz, genauergesagt um einen Jazztrompeter. Christian Scott heisst er und hat gerade erst sein zweites Album veröffentlicht. (das erste habe ich noch nicht gehört, scheint aber auch von herrausragender Qualität zu sein) Anthem ist der schlichte Titel des Werks und es ist wahrlich eine Hymne auf exzellente Musik.

Ich bin kein Fan von Bläsern. Vorrangig da es oft keine Instrumente sind, die mit sich selber in einen Dialog treten können. Sie sind keine Harmonieinstrumente sowie Klavier und Gitarre und funktionieren daher meist nur in Combos, Bands, was auch immer. Es ist für mich einfach angenehmer wenn ein Instrument in einen Dialog mit sich selber treten kann, ohne "fremde" Hilfe zu benötigen. Und auch Jazz ist oft zu schwierig. Einfach ausgedrückt, zu schräg, zu viel Gedudel oder einfach nicht laut genug. Verzerrte Gitarren sind eben das Maß der Dinge.

Es ist daher nicht verwunderlich, dass mich als ich etwas über das Album las zwar die Neugierde packte, ich mich aber dennoch auf ein etwas ernüchterndes Hörerlebnis einstellte. Ich fürchtete, was so häufig der Fall ist, nämlich fehlende Innovation. Gefühlvolles Trompetenspiel, mit technischer Raffinesse, ohne den so dringend nötigen Kick.

Schande über mich! Schon eine Minute dieses Albums ist mehr wert als so manch anderes "Meisterwerk". Hier wechseln sich nicht maj7 und 13ner Akkorde ab über die gefrickelt improvisiert wird, sondern ein völlig neues Klangerlebnis wird geschaffen. Wie es sich definiert ist komplex zu beschreiben, aber ich starte mal einen kühnen Versuch.

Ich glaube was das Ganze so hörenswert gestaltet sind die ähnlich anmutenden Songs, welche einen Grundtenor beibehalten, besonders beim verwandten Tonmaterial und Klang. Sie sind aber von ihrer Wirkung her vollkommen verschieden. So gibt es Loungeklänge wie bei "Like That", Hip Hop Einfluss wie bei "Dialect" und sogar Film-Klassischemusik vermag man zu erkennen. Hierbei gilt es zu erwähnen, dass keinerlei Computerdrums eingesetzt sind, die den Eindruck wie so oft schmälern könnten.

Das Klavier bildet das Grundgerüst, treibt durch tiefe Bässe oder gibt sich lässig in Form eines Rhodessounds. Das Schlagzeug ist fast rockig produziert, übertreibt aber in seiner Präsenz nie. Gitarre und Bass sind zurückhaltend geben sich aber auch zwischendurch die Ehre. Scott selber verzaubert mit smoothen, aber klaren Melodien und Improvisationen. Er wirkt dabei nie dominant, vielmehr interagiert er mit seiner Band auf gekonnte Weise und schafft es so den besondern Charakter dieses Albums erneut hervorzuheben.

Christian Scott ist nicht gewillt uns die selben, alten Jazzstandards vorzutröten. Er kreiert seinen eigenen Stil und schafft es bemerkenswerter Weise unterschiedlichste Genre dabei zu vereinen. Dabei präsentiert er sie aber nicht übereifrig offensichtlich, sondern erwartet ein musikalisch geschultes Gehör was diese Nuancen zu erkennen vermag.

Jazz vom feinsten. Klassische Besetzung, moderne Studioproduktion und Talent bis zum Abwinken. Hab es schon den ganzen Tag gehört und mir ist noch nicht zum Abwinken zu Mute, also bitte bald eine dritte genauso kraftvolle Platte.

10,01 von 10,00 Punkten. Wirklich unbarmherzig großzügig. Ich bin "Dialect" hören.

Interpret: Christian Scott
Album: Anthem
Website: christianscott

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